Der Stichtag Teil I

Ende April 2018 hatte ich meine letzte Operation. Es war ein Eingriff, vor dem ich unglaubliche Angst hatte. Mehr als jemals zuvor. Die risikoreichste OP war es jedoch bei weitem nicht.  Ein Neurinom in der linken Wange, über mehrere Jahre hinweg gewachsen, bis man die runde Beule schon ohne Anspannung der Kaumuskulatur sich über der Haut abzeichnend erahnen konnte. Spannte ich den Kaumuskel dann an, stieß der Tumor deutlich hervor. Hart fühlte er sich an und „hin- und herschieben“ ließ er sich. Meine erste Begegnung mit ihm werde ich nie vergessen.

Mit dem Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein

Es war das magische Fußballjahr 2014. Irgendwo auf den Ringen in Köln: Finale. Die deutsche 11 gegen Argentinien. Die Stimmung war angespannt, das einzig wahre Bier floss in schaumigen Strömen und ja dann schoss ein Junge namens Mario das alles entscheidende Tor. Die Stadt bebte. Es wurde auf den Straßen getanzt, Feuerwerke erhellten den Himmel und Menschen kletterten mit Megafonen auf Ampeln. Ausgelassenheit, pure Freude. Als es, wie so oft an diesem Abend „Hinsetzen, hinsetzen …“ ertönte, schlug eine Welle voll kniender Menschen über die Ringe. Beim „humba, humba tätärääää“ dann plötzlich die erste von vielen darauffolgenden Maulsperren: Mitten im Mitsingen klemmte der Kiefer. Obwohl er relativ schnell wieder „aufploppte“ markierte der Weltmeistertitel 2014 in Südamerika die 4 Jahre anhaltende Beziehung meines Neurinoms und mir. Wir hatten unsere Höhen und Tiefen, bis wir am 24.04.2018 einen chirurgischen Schlussstrich zogen und uns trennten. Im gleichen Jahr, in dem auch die Deutsche Nationalmeisterschaft den Weltmeistertitel im Besonderen und den Fußball im Allgemeinen an den Nagel hingen.

Der erste Versuch: auf und zu

Am Anfang merkte ich gar nicht, dass der kleine Knoten in der Wange für die immer öfter auftretenden Kieferklemmen verantwortlich war, bis mein Physiotherapeut irgendwann meine Vermutung bestätigte und bei unseren Terminen stets versuchte, die Kaumuskulatur zu lockern. Nicht immer ganz schmerzfrei. Irgendwann dann hatte der Kiefer genug und sperrte dauerhaft seine Pforten. Sushi essen und gähnen wurden zu einer schmerzhaften Tortur. Wie mein Vater immer zu sagen pflegt, wenn man das Gähnen irrtümlicherweise mit Müdigkeit in Verbindung bringt: „Dein Gehirn braucht nur Sauerstoff!“ Meine Sauerstoffzufuhr zum Zentrum war irgendwann unbefriedigend. Auf dem jährlichen Kontroll-MRT sah man den Tumor dann auch immer deutlicher bis die Indikation zur Operation im Frühjahr 2017 schließlich da war. Alles lief seinen gewohnten Gang: Shopping, Aufnahme, Aufklärungsgespräch, OP. Bei Bewusstsein und zurück auf Station dann große Irritation: zwar bedeckte ein großes weißes Pflaster meine linke Gesichtshälfte, aber die deutlich tastbare Beule war noch da. Und so klärte der Professor mal wieder über die Grenzen bildgebender Verfahren auf: Auf den MRT Bildern war trotz Kontrastmittelgabe (mal wieder) nicht zu erkennen gewesen, dass der Facialisnerv (Gesichtsnerv) über dem Tumor lag, genauer: die feinen Äste des besagten Nervs spannten sich wie ein aufgeklappter Regenschirm über den Tumor. Hört sich kontextlos irgendwie schön an.

Trotz des unvorhersehbaren Verlaufs blieb mein Professor optimistisch. Er versicherte mir eine gute Aufnahme vom Tumor gemacht zu haben – die ich trotz Nachfragen nicht zu sehen bekam – und dass er beim nächsten Eingriff gemeinsam mit einem HNO Spezialisten operieren würde. Ich wollte noch wissen, wann  dieser nächste Eingriff stattfinden würde und der Professor überließ so  mir die Entscheidung. Kurz um: Falls der Tumor weiter wachsen würde und die Einschränkungen und Schmerzen nicht mehr auszuhalten seien. Schließlich verkomplizierte jede Größenzunahme auch die Resektion des Tumors. Dies könne nun in 3 Monaten schon der Fall sein oder aber in 12. Wir trennten uns mit meinem Lächeln und ich nahm meinen Tumor wieder mit nach Wien.

Clara-Maria Kutsch 2017

Viele Wege führen in den OP

Nahezu ein Jahr verging daraufhin, bis  meine wohlgewählten Krankenhausoutfits wieder in die desinfizierten Einbauschränke der Neurochirurgischen Station geräumt werden  konnten. Inklusive mehrerer nervenaufreibende wie nervtötende Wochen unmittelbar vor der neu angesetzten Operation. Denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon meine Krankenversicherung in Deutschland – eine Erinnerung an meine Studienzeit – für ein Versicherungsverhältnis in der Wahlheimat aufgeben müssen. Viel praktischer für jedwede Arztbesuche, verheerend für meine NF2 Betreuung in einem Expertise-Zentrum in Deutschland. Über die bürokratischen Hürden wird an anderer Stelle berichtet werden, hier soll der Hinweis genügen, dass alles klappte und ich in den Genuss kam, einen Kostenvoranschlag für eine kleinere meiner Operationen gesehen haben zu dürfen. Am Abreisetag stieg ich mit einem guten Gefühl in Wien in den Zug. Der Abschied von meiner besseren bockigen Hälfte fiel mir zwar schwer, aber es war alles ok. Ich erinnere mich noch, dass ich auf dem Weg nach Süddeutschland in der NF2 Facebook Gruppe nachfragte, ob schon jemand Erfahrungen mit einer ähnlichen Operation gehabt hätte, was nicht der Fall gewesen war. Schon interessant zu beobachten, wo im Körper und zu welchem Zeitpunkt Tumore ihre Aufmerksamkeit einfordern.

Wenn schon nicht McDreamy

Meine Mutter, die jeden Krankenhausbesuch zu einem positiven und in gewisser Weise auch schönen Mutter – Tochter Erlebnis zu machen weiß, holte mich am Bahnhof ab. Sie hatte eine schnuckelige Airbnb Wohnung für uns angemietet. Wunderschön gelegen und von einem Ärztepaar vermietet, die meinen Professor auch persönlich kannten, der wiederum in der Nachbarschaft wohnte. Wir deuteten diese Zufälle als gute Omen. Meine Mutter und ich verbrachten einen gemütlichen Abend zusammen und bereiteten uns mental für das Gespräch am nächsten Morgen vor. Dann sollte ich den Chef der HNO Klinik kennenlernen, der mich gemeinsam mit meinem Professor operieren sollte. Wir fuhren ganz oldschool mit dem Bus ins Krankenhaus und waren extrem überpünktlich vor Ort – eine Marotte meiner Mutter, die diese Marotte geradewegs von meinem Opa übernommen und ohne Umwege meinem größeren Bruder überreicht hat. Ich schlage etwas in die andere Richtung der temporären X-Achse. Der Professor und ich jedenfalls verstanden uns auf Anhieb – ein überaus sympathischer und feinfühliger Arzt mit wunderschönen Händen – genau die Art von Chirurg, die mir gefällt. Wenn es schon nicht Dr. McDreamy sein kann. Er erklärte mir, dass er über die Ohrspeicheldrüse, die er durchtrennen würde, einen Zugang zum Tumor freilegen würde. Dies wäre kein besorgniserregender Schritt, da er so eine Operation mehrmals wöchentlich durchführen würde. Den Ohrspeicheldrüsenschnitt wohlgemerkt. Weiter erklärte er während einer Inspektion der alten Narbe am Ohransatz – „Sie haben hervorragendes Heilfleisch!“ -, dass er auch wieder diesen „Facelift“ – Schnitt machen würde. Soweit alles gut. Wir verließen bei sonnigem Wetter die Klinik. Ließen die Seele baumeln, schlugen uns den Bauch voll und gingen shoppen. Schön, wenn man trotz traurigem Anlass in vielen Geschäften persönlich begrüßt wird. So ein bisschen VIP Status tut gut. Die Dollarzeichen, die Mode Verkäufer*innen in meinen Augen sehen, lassen wir mal außen vor. In meinem Lieblingsgeschäft geschah dann etwas Wunderbares.

Risko Tübingen

Die Stammboutique in Tübingen: http://www.risikofashion.de

Als ich die schier endlos lange Stange mit den wunderschönen Kleidungsstücken durchstöberte, begegnete mir plötzlich ein schlichtes weißes T-Shirt mit einem schwarzen Reißverschluss auf der Rückseite. Es war als sähe ich meine geschneiderten Narben: Dieses T-Shirt war für mich gemacht! Zu diesem Zeitpunkt hatte ich zwar schon beschlossen einen Blog zu starten, doch dieser Moment symbolisiert rückblickend den Startschuss für meinenarbenundich.com und war zugleich das dritte gute Omen, was mir präoperativ begegnete.

Einmal roter Teppich für nichts

Irgendwann dann war der Tag der stationären Aufnahme da. Da ich ja nun als Auslandspatientin gelte, wurde ich von einer fürsorglichen Mitarbeiterin meines Professors mit betreut. Auch lag ich auf einer mir unbekannten Station mit Sonnenterasse und guter Kaffeemaschine. Ich fühlte mich mehr denn je als VIP Patient. Das bald darauf stattfindende Gespräch mit meinem Professor machte jedoch jeden VIP Status, jedes noch so schöne Krankenhauszimmer und noch so jeden Konform zunichte. Ein Status zahlt sich im Krankenhaus eben nur begrenzt aus.

(c) Samuel Zeller Quelle unsplash

(c) Samuel Zeller Quelle unsplash

Fortsetzung folgt!

2 Gedanken zu “Der Stichtag Teil I

  1. Brigitte Kutsch schreibt:

    Liebe clara, ich finde es immer wieder erstaunlich, an welche Kleinigkeiten du dich erinnerst. Ich freue mich auf die Fortsetzung! Ein Dankeschön an meinen verstorbenen Papa für mein Pünktlichkeit.
    Deine Mama

    Liken

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