Der Stichtag Teil II

In der Stichtag Teil I wurde über die lange Anlaufphase meiner letzten Operation berichtet. Nun kommen wir zum eigentlichen Eingriff und den psychischen Nachbeben. Es war unmöglich, diesen Abschnitt ohne starke Emotionen zu schreiben. Dennoch wünsche ich euch viel Lesevergnügen. Ein Beitrag so frei aus dem Herzen wie nie zuvor.

Über Angst und Zuversicht

Ich saß ihm genau gegenüber, meinem Professor. Der sympathische Assistenzarzt, der mit meinem Fall betraut worden war und mir vorab schon Blut abgenommen hatte, saß zurückhaltend am Schreibtisch und meine Mama links hinter mir. Der Blick, den sie mir zuwarf war besorgt und traurig. Ich wusste, dass sie ihre Tränen vehement zurückhielt. Es war derselbe Blick, der mir schon bei Ankunft meines Professors in meinem Patientenzimmer ein paar Augenblicke zuvor gegolten hatte. Meine Mutter wusste etwas, was ich nicht wusste.

Ich kann mich nicht mehr genau an den Ablauf des Gesprächs erinnern, weiß aber noch, dass es irgendetwas mit dem Einsatz des Cochlea Implantats (CI) zu tun hatte. Ich war über die Aussage meines Professors erstaunt, der mir erzählte, dass er sich wohl auch gegen ein CI entscheiden würde. Irgendwann dann wurde mein Professor ernst und schaute mich lange an.

„Ja, Clara. Was machen wir?“

Die Frage überraschte mich und ich entgegnete mit fester Stimme.

„Wir operieren.“

Pause.

„Ich habe Angst um dein Gesicht.“

Mir wurde mulmig. Ich drehte den Kopf auf die linke Seite und schaute zu meiner Mama. Sie lächelte traurig und neigte den Kopf. Jetzt musste sie die Tränen wirklich zurückhalten.

„Ich schaute wieder zu meinem Professor, dessen Gesicht mir seit so langer Zeit vertraut war und mit dem ich schon so viel durchgestanden hatte.

„Wenn es jemand schafft, dann Sie“, waren glaub ich meine Worte.

Der Professor erklärte mir, dass es schwierig werden würde, da er nicht wusste, wie der Tumor zum Gesichtsnerv lag; ob er aus diesem wachse, sich nur an ihn lehnte oder ob gar der Gesichtsnerv durch den Tumor verlaufe. Ich wusste schon, dass es kein einfacher Eingriff werden würde, aber es war das erste Mal, dass mein Professor derart mit mir sprach. Gefühlvoll und einfühlsam war er schon immer gewesen, doch seine Angst um mich hatte er mir nie so deutlich gezeigt. Und plötzlich verlor ich den Boden unter den Füßen und stürzte ins Leere. Mir wurde heiß und ich versuchte mich mit aller Kraft an meinen Optimismus und mein Vertrauen in seine Fähigkeiten zu klammern. Ich gab ihm deutlich zu verstehen, dass ich bereit war und den Eingriff wollte. Wir standen auf und er schaute mir einige Augenblicke in die Augen. Und da fand ich seine Zuversicht wieder.

Nachbeben

Meine Mama und ich verließen den Raum und fuhren schweigend nach unten. Ich glaube wir sprachen nicht viel. Wir setzten uns in den Besucherbereich in eine leere Sitzgruppe. Wir hielten unsere Hände und nun war auch ich damit beschäftigt, meine Tränen zurückzuhalten. Es war ein schwerer Kampf. Ich skypte mit meiner besseren bockigen Hälfte und brachte ihn auf den neusten Stand. Wie er so ist, versuchte er mich aufzuheitern und zu beruhigen, es klappt nur mäßig. Meine Mutter telefonierte mit einer ihrer Schwestern. Da auch meine Mama mittlerweile nicht mehr gut hört – ihre Hörgeräte aber nicht trägt – konnte ich die Stimme meiner Tante wahrnehmen und dem Gespräch folgen. „Es wird alles gut gehen. Zeig deine Angst nicht vor der Clara“, meine Mutter nickte, ihre Tränen hatten die Wangen längst erreicht. Auch ich wollte weinen, tat es aber nicht. Wir gingen wieder auf die Station und in mein Zimmer. Ich weiß nicht, was wir taten – lesen, plaudern? Auch schaute der nette Assistenzarzt noch einmal vorbei und erkundigte sich, wie es mir ginge.

„Der Professor sagt immer zuerst wie schwierig es sei.“

„Ach damit er später ein größeres Lob bekommt?“

Wir lachten und ich fühlte mich etwas besser. Am Abend setzten wir uns in den Aufenthaltsraum der Station und schauten mit einem anderen Patienten etwas Fernsehen. Meine Mutter, die das Kommunikationstalent ihres Vaters geerbt hatte, der beispielsweise Menschen, die nur etwa nach dem Weg fragten, so lange aufzuhalten wusste, bis er ihre Lebensgeschichte kannte; unterhielt sich mit dem Mann mittleren Alters. Ich konnte dem Gespräch kaum folgen und war mit meiner Angst beschäftigt. Am späten Abend dann erreichte mein Papa die Station. Ich stand auf und umarmte ihn feste. Wir unterhielten uns noch einige Zeit unten in der geschlossenen Cafeteria. Der Professor wolle heute meine Zuversicht abstecken, konstatierten meine Eltern. „Wie du psychisch drauf bist. Und er hat gesehen, dass du bereit bist.“ Und just in dem Moment sahen wir ihn: im Anzug und Aktenkoffer seinem Feierabend entgegen. Wie er sich in Anbetracht der geplanten Operation gefühlt haben muss, weiß ich nicht.

Traumhafte Selbstgespräche

Als es Schlafenszeit wurde, verabschiedete ich mich von meinen Eltern. Es fiel mir so schwer und doch war ich froh, mich alleine mit meinen Gedanken auseinandersetzen zu können. Die OP Kleidung schaute mich erwartungsvoll an und ich schaute siegesunsicher zurück. Nachdem ich mit meiner Abendtoilette fertig war, schaute ich lange in den kleinen und spärlich beleuchteten Spiegel. Ich schaute mich an, versuchte jeden Zentimeter meines Gesichts aufzusaugen. Dann blickte ich mir in die Augen. Es schien, als sähe ich mich in diesem Augenblick zum ersten Mal. Zum ersten Mal völlig bewusst, nicht nur flüchtig prüfend. Ich schaute mich an. Eindringlich.

„Du schaffst das.“ Mein gespiegeltes Ich sprach die Worte mit einer Angst, die mich überraschte. „Du schaffst das.“

Ich legte mich ins Bett und prüfte noch einmal mein Whatsapp. Viele Freunde und meine Familie hatten mir noch Nachrichten geschrieben. Die Sorge war allen Nachrichten gemein. Auch in der Nachricht meiner bockigen besseren Hälfte. Er gab zu, dass auch er Angst habe und immer für mich da sei, egal was morgen bei der Operation passieren würde. Wir videotelefonierten noch einmal und unweigerlich kam der erschreckende Gedanke, dass er heute womöglich zum letzten Mal mein Gesicht in dieser Verfassung sehen würde. Wir verabschiedeten uns und ich löschte das Licht. Ich schloss die Augen und verfiel in eine Art Meditation: Ich begann bewusst zu meinem Körper zu sprechen und versuchte meine Nerven – sprichwörtlich – zu beruhigen. Erst rückblickend erkenne ich, dass ich ein Mantra aufsagte. „Meine Nerven und ich, wir schaffen das, meine Nerven und ich, wir schaffen das, meine Nerven und ich, wir schaffen das…“ Und was dann passierte, lässt mich noch heute, mehr als einem Jahr nach der Operation, lächeln. Denn die Bilder sind um keine Nuance verblasst.

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(c) Sharon McCutecheon Quelle: unsplash

Im Laufe der Nacht fand ich mich plötzlich in einer Art Höhle wieder, nicht unähnlich derjenigen, die Harry Potter mit Dumbledore im 6. Buch auf der Suche nach Horkruxen aufsucht. Anstelle eines Sees voller zum Leben erwachender Untoten und einer Insel in der Mitte, war meine träumerische Höhle erfüllt von quickenden Geräuschen und ja, einer Vielzahl an kleinen – ich glaube man kann sagen – überweltlichen Tierchen. Sie sahen aus wie kleine, mit rosa (!) Fell überzogene Seepferchen und freuten sich ungemein mich zu sehen. Sie quickten und hüpften und luden mich ein zu ihnen zu kommen und auf sie drauf zu klettern. Ich machte meiner Sorge und meinem Unmut kund, dass ich zu schwer sei, doch sie ließen nicht ab. Also watete ich durch das Wasser und kletterte auf den Haufen meiner sonderbaren Freunde. Obwohl sie mein Gewicht wirklich trugen, gaben sie dennoch etwas nach. Ja, sie schienen elastisch zu sein und mehr aushalten zu können als ihr Äußeres erahnen ließ. Ich setzte mich irgendwann nieder und genoss das wohlige und sichere Gefühl, das anhielt bis ich aufwachte.

Über erste Male

Wie jedes Mal vor einer Operation, kamen meine Eltern überpünktlich zu mir ins Krankenhaus. Ich hatte wie immer Glück und war die erste Person auf dem ehrgeizigen Operationsplan meines Professors und dennoch blieb noch Zeit für ein paar Morgenseiten. Wir setzten uns in den Aufenthaltsraum und ich schrieb in meiner Kladde über meine großen Ängste. Meine Hände zitterten etwas und ich fand kaum Worte. Als es Zeit wurde, wechselte ich in Trombosestrümpfe, Engelshemdchen und diese Einwegsunterhosen, deren Unattraktivität unschlagbar ist. Meine Eltern standen zu beiden Seiten meines Bettes, als die Schwester den Ordner mit meinen Unterlagen brachte, der mich in den Vorbereitungsraum begleiten würde und auf dessen Vorderseite meine Beruhigungstablette geklebt war. Normalerweise nahm ich sie erst unten im OP Bereich zu mir, doch diesmal hatte ich das erste Mal das Gefühl, die Tablette nicht aufgrund ihrer angenehmen Wirkung zu wollen, sondern zu brauchen. Schließlich hatte ich mich für die Wirkung tatkräftig eingesetzt. Bei einem präoperativen Gespräch in der Anästhesie hatte ich mal auf die Tatsache verwiesen, dass ich von der Tablette gar nichts mehr spüren würde – was wohl meiner operativen Erfahrung geschuldet sei – und um eine höhere Dosis bat. Als ich bei der nächsten Gelegenheit nachfragte, welche Dosis ich denn nun bekäme, hörte ich die respektable Antwort „Die für einen erwachsenen Mann“. Ich schluckte die tablettenförmige Beruhigung und lehnte mich in meinem Bett zurück. Fast gleichzeitig betrat die Frau, die mich in den OP Bereich bringen würde das Zimmer und meine Aufregung bahnte sich ihren Weg.

„Clara hast du Angst?“, fragte mich meine Mama besorgt und ich kapitulierte.

All die Tränen, die ich am Vortag erfolgreich verdrängt, zurückgehalten und bekämpft hatte, wollten sich zeigen. Ich nickte nur und fing an zu weinen. Bitterlich. Meine Eltern kamen sofort näher an mein Bett. Meine Mama beugte sich zu mir hinunter und nahm mich in den Arm und auch mein Papa ergriff sofort meine Hand. Die Angst hatte uns trotz allem Optimismus, aller Freude und Hoffnung letztendlich übermannt. Doch der OP Plan hat keine Zeitfenster für Ängste und so schob man mich aus dem Zimmer in den Gang. Da ich auf der Privatstation meines Professors lag, musste ich über die angrenzende Station zu den OP Aufzügen gebracht werden. Ich weinte ununterbrochen. Die Blicke, die mir das Personal und die Patient*innen der neurochirurgischen Station zuwarfen, lagen zwischen Mitleid und Empathie. Ich wusste genau, was  in ihren Köpfen vor sich ging. Es war dasselbe, was ich immer beim Anblick weinender Patient*innen auf dem Weg in den OP dachte: „Hoffentlich geht alles gut.“ Wir fuhren mit dem Aufzug hinunter und es öffnete sich die Doppeltür in den Operationsbereich. Majestätisch und unberechenbar. Meine Eltern durften noch mit hinein, bis mich ein Mitarbeiter an der Übergabe abholte. Meine Mutter kam nach der Verabschiedung noch einmal zurück an meine Liege, um mich ein letztes Mal zu umarmen lächelte mich an. Sie war verweint. Es begann der schnelle Weg in den Vorbereitungssaal. Dort angekommen wurde ich verkabelt und vorbereitet und merkte so langsam die Wirkung der Tablette. Auch hatte ich keine Tränen mehr zu vergießen. Wo ich sonst geschwätzig mit dem Personal tratschte, war ich diesmal ruhig und abwesend. Ich hatte den Kopf nach rechts gedreht und beobachtete meinen Puls, als mich jemand an der linken Schulter berührte. Da sah ich meinen Professor neben mir stehen. Im Gegensatz zu den Chirurgen in Greys Anatomy trug er keine Haube mit schwäbischen Maultaschen oder dergleichen sondern ein grünes etwas, was seinen Kopf fast komplett bedeckte. Er schaute mich aufmunternd an und sagte den Satz, der meine Herzfrequenz ein wenig sinken ließ:

„Ich passe auf dich auf.“

„Ich weiß“, entgegnete ich.

Und dann begann auch schon die Narkose.

Alles auf Anfang

Die Schwerelosigkeit und brutale Schwärze der Narkose begannen sich langsam aufzulösen. Ich kehrte in die Gegenwart zurück und erlangte das Bewusstsein. Doch etwas stimmte nicht. Obwohl ich die Augen aufmachte, konnte ich nichts sehen. Nur Dunkelheit. Mich traf die Erkenntnis: Die Operation war nicht gelungen und ich erblindet.

„Ich bin blind!! Ich sehe nichts!!!“

Jemand sprach zu mir: „Frau Kutsch, sie haben einen Verband über den Augen.“ Ich betastete nervös mein Gesicht und fühlte erleichtert den weichen Stoff des Verbandes. Ich wusste nichts über den Ausgang der OP, aber blind war ich schon mal nicht. Ich schlief und döste vor mich hin, bis ich endlich die vertrauten Bewegungen des sich bewegenden Bettes wahrnehmen konnte. Als ich durch die Türen meiner Station gefahren wurde, schob jemand den Augenverband zurück und ich blickte in die Gesichter meiner Eltern. Benommen und sprachfreudig, wie ich immer nach der Narkose war, berichtete ich lautstark über mein Erwachen. „Ich dachte schon, jetzt hat der Professor es versaut und ich bin blind.“ Meine Eltern schauten sich nervös um. Meine Mama beugte sich zu mir hinunter und ich erfuhr, dass die Operation perfekt gelaufen war, der ganze Tumor war entfernt worden und keine bleibenden Nervenschäden entstanden. Wiewohl ich die Worte verstand, dauerte es noch geraume Zeit, bis ich sie verinnerlicht hatte. Die postoperativen Tage waren herrlich ereignislos. Die ersten zwei Tage durfte ich noch meinen Druckverband tragen, der vorerst meine Augen verdeckte und auch das Tragen meines Hörgerätes unmöglich machte, der aber wegen einer möglichen Schwellung im Gesicht unerlässlich blieb. Nach dem ersten Tag wurde der Verband gewechselt und mir über meinen Augen positioniert, sodass ich das Bett verlassen konnte und auch das Hörgerät bekam ich irgendwie ins Ohr, obwohl meine komplette linke Gesichtshälfte inklusive des Ohres taub war. Auch meine Mundbewegung war auf der operierten Seite etwas eingeschränkt, was mein Lächeln wieder ausgeglichener machte.

1. Post-Op Tag

Am 2. Post-OP Tag wurde mir dann die Drainage aus dem Gesicht entfernt. Den unappetitlichen Beutel mit Blut und Wundwasser hatte ich zum Leidwesen der anderen Besucher*innen mit in die Cafeteria tragen müssen. Die Entfernung tat zwar nicht wirklich weh, unangenehm war sie trotzdem: Spürte ich doch genau, wie tief die Nadel in meinem Gesicht platziert war. Als ich dann auch noch meine Zugänge an der Hand gezogen bekam, fühlte ich mich schon fast wieder wie die Alte. Erschreckend war dann auch weniger der Anblick der Narbe – die man mir wie vorab versprochen wie bei einem Facelift platzieren würde -, sondern der des Sidecuts, den man mir verpasst hatte. Natürlich das geringste Übel, was hätte passieren können.

Abschied nehmen

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(c) Michael Jasmund Quelle: unsplash

Als der Tag der Entlassung da war, warteten wir im Aufenthaltsraum auf den Professor, der in Begleitung einer Assistenzärztin kam. Er schloss die Tür hinter sich und begann uns zu erklären, dass der Tumor nicht aus dem Gesichts-, sondern sehr wahrscheinlich aus dem Kaumuskelnerv gewachsen sei. Durch den Ohrspeichelschnitt des HNO Chefs, hatte er ein kleines Fenster gefunden, um den Tumor vollständig und ohne Beeinträchtigung des Gesichtsnervs entfernen zu können. Ich wiederum erzählte ihm von meinem bösen Erwachen und er musste lachen. Auch ich konnte mittlerweile die Szene mit Humor nehmen. „Wirklich?“, fragte er nach, um dann sogleich das Wort an seine Mitarbeiterin zu richten. „Notieren Sie, dass wir das in Zukunft den Patient*innen vorab sagen müssen.“ Bald darauf war der Moment des Abschieds gekommen und der Professor nahm mich zum ersten Mal seit unserer Begegnung vor 15 Jahren in den Arm. „Wir sehen uns bei deiner Hochzeit (nein ich bin nicht verlobt), Taufen (nicht ich in anderen Umständen) und so weiter und so weiter.“ Er reichte meinen Eltern die Hand – umarmen tat meine Mutter ihn nach den Operationen sowieso immer ungefragt – und verließ das Zimmer. Und auch wir drei machten uns auf den Weg. Vor der Heimfahrt spazierten wir noch einmal durch die Tübinger Innenstadt. Shoppen mussten wir nichts mehr: Mein Papa hatte schon am ersten postoperativen Tag meine hinterlegten neuen Schuhe und den Pullover abgeholt. Und bezahlt natürlich. Es schien die Sonne über die kleinen Fachwerkhäuser der Tübinger Altstadt. Es sollte das vorerst letzte Mal sein, dass ich sie betrachtete.

Was von der OP übrig blieb

So schnell ich entlassen worden war, verschwanden auch meine oberflächlichen Spuren der OP – mit Ausnahme des Sidecut, der nervt mich noch immer. Die gelb-grünlichen Verfärbungen rund um die neu gewonnene Narbe wurden mit jedem Tag im elterlichen Hotel weniger und schon bald konnten wir bei einem befreundeten Arzt die Narbe kontrollieren und säubern  lassen. Einzig das taube, linke Ohr fühlte sich verstopft an, sodass wir einen HNO Arzt aufsuchten, der mir getrocknetes Blut (was während der OP hineingeflossen war) aus dem Ohr saugte. Während meiner Zeit in Bonn besuchten mich noch viele Familienmitglieder, einige Freunde und jeder war über mein Aussehen und meine schnelle Genesung überrascht. Ich spielte meine Rolle der unerschütterlichen Patientin perfekt und revidierte nicht den positiven Eindruck, den ich überall hinterließ. Auch weil mir mein Schauspiel in dem Moment noch nicht bewusst war. In Wien setzte ich meine Theatertour dann auch fort, inklusive Zugaben.

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(c) Vlah Dumitru Quelle: unsplash

Während meiner ersten Sitzung , sprach ich schließlich mit meiner Psychotherapeutin über mein Unvermögen, mich so richtig über den Ausgang der Operation zu freuen und sie erklärte mir, dass mein Körper noch immer im Besprechungszimmer gegenüber meinem Professor sitzen würde. In dieser Situation der Angst verharrend. Und so gingen wir nochmals zurück in den Raum und zurück zu meinen Emotionen. Ich beschrieb sie und horchte in meinen Körper; fühlte noch einmal wie sich mein Magen bei den Worten „Ich habe Angst, um dein Gesicht“ zusammenzog; fühlte wie mir der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Diese Übung habe ich bis zum heutigen Tag immer mal wieder gemacht. Mit dem Schreiben des vorliegenden Textes habe ich es nun zum ersten Mal geschafft, die Erinnerung an diese große Operation in all seinen schmerzhaften Einzelheiten niederzuschreiben. Nach mehr als einem Jahr. Wenn ich jetzt an meine Operation denke, kann ich endlich sagen: „Alles lief perfekt“ und spüren wie sich mein Herz beschleunigt. Vor Freude.

Denn auch wenn man es mir nicht ansieht, keine Operation geht spurlos an einem Menschen vorbei. Egal wie oft man operiert wird, unabhängig davon wie gefährlich der Eingriff ist, ungeachtet der Tatsache, wie optimistisch man ist und fernab der eigenen Resilienz. Die Angst und die psychischen Nachbeben bleiben.

Es ist nun mal so, wie man zu sagen pflegt:

„Wer keine Angst hat, hat keine Phantasie.“ (nach Erich Kästner)

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