Wir müssen, aber nicht sofort.

Der Radiologiebefund sprach von „keinen dynamischen Veränderungen“. Soweit so gut. Grünes Licht muss letzten Endes aber immer der Professor in der Heimat geben. Diesmal gab es orange.

Als ich in der Früh den Befund des diesjährigen Kontroll MRT’s aus Deutschland las, war ich im ersten Moment perplex: Wachstum im Gehirn, von einer „Verschlechterung“ war die Rede. WTF. Normalerweise bin ich es immer, die spürt, wenn wo was nicht stimmt: ein Kribbeln hier, Taubheitsgefühle da. Doch momentan keinerlei Beschwerden, nirgendwo. Es sollte sofort ein Termin vereinbart werden und ich mich persönlich vorstellen. Für eine ausführliche Reaktion fehlte mir jedoch in diesem Moment die Zeit, da sich der ORF an meinem Arbeitsplatz angekündigt hatte. Und so richtete ich mich entsprechend her und lieferte dem ORF die Show seines Lebens. Nebenbei bemerkt: ein Wunder, dass ich noch ungestört durch  Wiens Straßen laufen kann.

Wie es dann nun mal so im Leben spielt, drehte sich das Interview auch um meine NF2. Mit dem Gehirntumor buchstäblich im Hinterkopf, klärte ich über das Leben mit einer solchen Krankheit auf. Im Laufe des Drehtags erhielt ich dann von Frau Mama den weiteren Plan: Sonntags sollte ich mit meiner Schwester, die an dem Wochenende zufällig nach Wien kam, nach Bonn fliegen und in der Nacht von Sonntag auf Montag mit den Eltern einen Roadtripp Richtung Süddeutschland machen. Die ersten paar Stunden verbrachten Mama und ich mit den Fab5 von Queer Eye auf der Rückbank und gerade als der Tag sich vollends angekündigt hatte, trafen wir in der großen Klinik ein. Viel zu früh. Typisch.

Beim Vorgespräch mit einer Assistenzärztin konnte ich diesmal keine Symptome oder Beschwerden angeben und auch die MRT Aufnahme, die vergrößert auf einem Bildschirm flimmerte, sagte mir nichts. Ich schaute aber auch nicht wirklich hin. Die weißen Flecken geben einem irgendwie immer ein komisches Gefühl.

Als wir dann schließlich zum Gespräch mit dem Professor aufgerufen wurden, machte sich meine Nervosität zum ersten Mal bemerkbar. Und verschwand sofort mit der herzlichen Begrüßung. Es scheint absolut unverständlich unter diesen Umständen, aber ich freute mich wahnsinnig meinen Professor zu sehen. Schließlich kenne ich ihn mittlerweile schon die Hälfte meines Lebens. Zwar kein Sandkasten – aber so etwas wie ein Schulfreund. Er begann mit einer Kontrolle meiner Gesichtssensibilität – nichts. Alles normal. Schließlich frage er seine Assistenz nach einer Kompresse und bat mich nach oben zu schauen. Er tupfte in die Augen. Ich spürte nichts. Und das war der Grund: erhebliche Reduktion der Augensensibilität. Aber: nicht wie die MRT Aufnahme vermuten ließ auf der linken, sondern auf beiden Seiten. Verursacht von einem Tumor, von dem ich an diesem Tag zum ersten Mal hörte: ein Trigeminusschwannom. Wusste gar nicht, dass ich das auch habe, aber okay. Ein Eingriff wäre zwar nicht sofort nötig, in naher Zukunft aber sinnvoll – vor allem ehe weitere Symptome wie Schwindel und Doppelbilder hinzukämen. Da es sich mit einem solchen Wissen nicht so einfach durch den Alltag gehen lässt und in Anbetracht der Erfahrung, dass mein Professor nahezu jede Operation mit „Es war höchste Zeit“ kommentierte, entschieden wir uns gemeinsam für den 08.01.2020.

Wir verabschiedeten uns und plötzlich standen wir vor der Klinik, die ich 1 1/2 Jahre nicht gesehen hatte und deren Patientin ich bald wieder sein würde. Irgendwie komisch, aber irgendwie auch okay. Familie und Freunde wurden informiert und erst mal – Traditionen sind die Säulen des Lebens – geshoppt. Tübingen bleibt für mich immer so etwas wie ein Heimathafen. Den man zwar nicht jährlich besuchen muss, sich aber trotzdem immer freut, wenn man dort einläuft. Da wir noch eine etwas längere Rückfahrt vor uns hatten (dicken Applaus an meine Eltern an dieser Stelle), machten wir uns auch zeitig auf den Heimweg.

Ich habe seitdem mit vielen Freunden kommuniziert und auch die anstehende Operation mit meiner Psychotherapeutin besprochen. Natürlich: wo ich das erste Mal von der schlechten Beurteilung erfuhr, weinte ich. Doch dabei blieb es. Es ist kein Gefühl der Ohnmacht da, der Hoffnungslosigkeit, Abgestumpftheit oder Gleichgültigkeit. Es ist Akzeptanz. Mehr noch: wo andere Menschen einen großen und gefährlichen Eingriff sehen, sehe ich eine neue Narbe am Haaransatz (O-Ton Clara : „Aber wir rasieren nicht, oder??????), keinen Wirbelsäulenaufbruch, keine Halskrause, keinVerschlechterung des Gleichgewichts. Natürlich handelt es sich um einen ernsten Eingriff, aber einen, dessen Folgen ich als weniger einschränkend voraussehe wie bei vergangenen Wirbelsäulenoperationen. Und auch wenn das Gesicht betroffen ist, so ist das Risiko und die emotionale Belastung kein Vergleich zur letzten Operation (siehe Der Stichtag).

Natürlich war ich im ersten Moment geschockt. Und auch etwas sauer. Warum ist etwas gewachsen?! SO lange Zeit ging es doch jetzt gut. Mit der Ernährungsumstellung mir auch allgemein viel besser. Das Yoga lief super und ich pflegte guten Kontakt zu meiner Psyche und besuchte meine Osteopathin. Es drängte sich die Frage auf: Warum wächst ausgerechnet jetzt was, wo ich doch gerade meinen Weg zum Doktortitel begonnen hatte?!

Und als ich diese Gedanken wahrnahm – dieses enttäuscht sein auf mich selbst – gab ich mir innerlich eine schallende Ohrfeige:

„Sag mal Clara, spinnst du eigentlich!“

Ich änderte meinen Gedankengang und besann mich schließlich auf das, was ich als meine persönliche Bestleistung bezeichne: 623 operationsfreie Tage!

Nach dem 08.01.20 werden die Uhren wieder auf Null gedreht und von vorne angefangen. Mit vollem Elan und Zuversicht: wäre ja auch sehr unsportlich sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Es ist nie einfach mit einem unerwarteten Befund umzugehen, der nie in die eigene Lebensplanung passt. Aber es ist auch kein Grund das bisher gute Leben in ein schlechtes Licht zu stellen und aufzugeben. Denn wenn es etwas gibt, was ich dieses Jahr auf meiner traumhaften Reise mit meiner BFF gelernt habe, dann ist es folgendes (und dafür danke ich Dir von Herzen, liebe Freundin):

Tumore kommen und gehen. Schweine auf den Bahamas, die bleiben.

Schweine Bahamas.jpg

2 Gedanken zu “Wir müssen, aber nicht sofort.

  1. Brigitte kutsch schreibt:

    Ja, meine liebe Tochter, so ist es…..du hast alles damit gesagt! Ich war auch
    erst schockiert und es wird sich nie eine Routine einstellen. Ich bin sehr dankbar, dass du so ein tolles Leben zwischen den Operationen führen kannst.

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  2. elisabeth350 schreibt:

    Am meisten stolz auf dich war ich über …. die schallende Ohrfeige :-)))
    Ja, genau!!! Es sind 623 operationsfreie Tage und in dieser Zeit hast du unglaublich viel geschafft, ganz viel ist dir gelungen und wahr geworden von dem was du dir gewünscht hast! Und das nicht zuletzt weil du so zuversichtlich und positiv durchs Leben gehst.
    Diese Hürde am Jahresanfang wirst du überwinden mit all deinen Ressourcen, die du gesammelt hast und mit dem Wissen, dass alle deine Lieben rund um dich für dich da sind .

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