„Schau mir in die Augen, Clara“

Nach knapp 18 Jahren wurde ich Anfang des Jahres wieder am Gehirn operiert. Obwohl es sich vergleichsweise um einen „oberflächlicheren“ und „gut zu operierenden“ Tumor am Trigeminusnerv handelte, war es für mich die mit Abstand härteste Operation. Denn nach all den Jahren mit NF2, sah ich zum ersten Mal so aus, wie ich mich fühlte.

Die letzte präoperative Zeit

Obwohl ich so guter Dinge war, suchte auch mich die Angst vor der großen Operation irgendwann ein und nach Silvester verfolgte mich eine dunkle Wolke voller Unbehagen. Ich verbrachte in der Heimat noch viel Zeit im Kreis der Familie und wurde immer wortkarger.

präoperative Blutabnahme NF II

Schließlich war der Abreisetag da und gemeinsam mit meinen Eltern und meiner besseren bockigen Hälfte, die mich zum ersten Mal zu einer schweren Operation begleitete und alles miterleben würde, düsten wir schweigend Richtung Süddeutschland. Am nächsten Tag wurde ich im Krankenhaus aufgenommen. Es folgten die üblichen Gespräche und Untersuchungen: Anästhesie, Blutabnahme und das Aufklärungsgespräch. Am frühen Abend kam dann nochmal der Professor vorbei. Er verneinte zwar auf mein Nachfragen hin, die etwas beunruhigenden Risiken, die beim vorigen Gespräch genannt wurden, sicherte mir aber zu, dass es postoperativ zu sehr starken Schwellungen auf der linken Seite kommen würde – besonders am Auge. Auch konnte er meiner Bitte bezüglich der Rasur nicht nachkommen: eine feine Rasur des linken Haaransatzes wäre leider nötig. Etwas beruhigter gabe ich ihm die Hand und wir sahen uns eindringlich in die Augen, die mittlerweile ihre eigene Sprache sprechen.

„Versauen Sie es nicht!“

„Weißt du, mit wem du hier sprichst?“

Ungefähr so.

Als wir uns nochmal auf den Weg in die Stadt machen durften, um unserer Tradition zu frönen sowie ein letztes üppiges Abendmahl zu genießen, chattete ich mit meinem Bruder über die anstehende Operation: unser Verlauf bestand am Ende schließlich nur noch aus GIFs von Silvester Stallone in „Rocky“. Dass sich dies derart bewahrweiten würde, damit haben wir beide wohl nicht gerechnet. Und Rocky auch nicht.

Ernüchterndes Erwachen

Das erste was ich nach dem Erwachen sah, war die Uhr an der Wand, die den Nachmittag einläutete. Mit dem trüben Ankommen ins Bewusstsein, spürte ich auch die durchdringenden Schmerzen: es fühlte sich so an, als wäre jeder einzelne Knochen meines Gesichts gebrochen worden. Ich, die eine wahnsinnige hohe Schmerztoleranz hat, knickte ein.

Die Minuten zogen sich in die Länge, in denen ich versuchte, das im Raum anwesende Pflegepersonal auf mich und meine Schmerzen aufmerksam zu machen. Doch ich schien unsichtbar, oder still, oder noch nicht völlig da. Ich weiß es nicht. Ich teilte mir das Zimmer mit einem unter Schläuchen vergrabenen Man mittleren Alters. Es sah so gar nicht aus wie auf einer Intensivstation; natürliches Licht fiel durch das Fenster auf meiner rechten Seite in den Raum und auch sonst nahm ich nichts wahr, was auf eine besonders intensive Betreuungsmaßnahme schließen ließ. Irgendwann standen meine Eltern und meine bessere Hälfte im Zimmer. Ich schluchzte und fing immer wieder an  zu weinen und obwohl sie mich trösteten, mir über den Rücken streichelten, meine Hand hielten und mir sogar Wasser reichen durften, fühlte ich mich weit entfernt und von unsagbaren Schmerzen niedergeschmettert. Ich weiß nicht, wie lange meine Familie da war, aber plötzlich war sie es nicht mehr und ich befand mich in einem riesigen Saal. Bei ihrer Ankunft hatte meine Mutter mir noch gesagt, dass mein linkes Auge gar nicht dick sei. Doch während ihres Besuchs, schien sich der Zustand meines Gesichts im Gegensatz zu den Minuten an der Wand von einem Moment auf den anderen schlagartig verändert zu haben. Denn auch ich merkte auf der weitläufigen Betreuungsstation, wo ich die Nacht unter Neonlicht unvorteilhaft ausgeleuchtet verbringen sollte, dass ich nur noch auf einem Auge sehen konnte. Ich orderte immer wieder Schmerzmittel und wachte trotz ständiger Kontrollen irgendwann an dem ersten postoperativen Tag auf, an dem meine kunterbunte Reise der Schwellstadien begann und die erst heute mit einem Großeinkauf bei MAC ihr gebürtiges Ende fand.

„Sie haben ihr Ziel erreicht“

Die postoperativen Tage im Krankenhaus ähneln immer einem Staffellauf mit sich selbst. Alles wird als Challenge akzeptiert und nicht aufgegeben, ehe diese gewonnen wurde. So verhält es sich beispielsweise beim ersten Treffen mit der/dem Physiotherapeut*in (2. PostOP Tag wohlgemerkt); „Ja, ich kann aufstehen“, „Natürlich noch ne Runde“. „Stimmt, die frische Luft tut gut“. Darauf folgen eine Vielzahl an Rundendrehungen auf der neurochirurgischenStation unter schmerzverzerrtem Lächeln in Richtung des Stationszimmers. Ab diesem Zeitpunkt heißt es dann nur noch „Schläuche loswerden“. Katheter und Zugänge verlassen peu a peu den Körper und man gewinnt immer mehr Selbstbestimmung zurück. Und dann natürlich das große Finale, wenn man das erste Mal mit dem Aufzug runter in die Cafeteria fahren, vergleichsweise große Wanderungen – sogar um das Gebäude! – unternehmen kann und mit der Familie die größte Competition austrägt: Kartenspiele.

Als ich mit 14 Jahren das erste mal am Gehirn operiert wurde, belief sich der nachfolgende Krankenhausaufenthalt auf knapp 14 Tage. Im Januar wurde ich am fünften postoperativen Tag entlassen und fuhr am sechsten mit meiner besseren Hälfte mit dem Zug nach Wien zurück. Die Abschiedsszene mit meinen Eltern am Bahnhof in Süddeutschland, überlasse ich an dieser Stelle dem Kopfkino meiner Leserschaft.

Als wir nach einer unsagbar schmerzerfüllten Zugfahrt von einem guten Freund in Wien abgeholt und nach Hause chauffiert wurden und ich endlich in meinem eigenen Bett lag, fühlte sich nichts mehr wie eine Zielerreichung an. Ich schluckte meine  riesigen Schmerztabletten und realisierte, dass jetzt der eigentliche Kampf beginnen würde: der Kampf zurück ins Leben.

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Fortsetzung folgt in den kommenden Tagen.

4 Gedanken zu “„Schau mir in die Augen, Clara“

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