A friend like you

Ich glaube ich hatte nie mehr Angst davor einen Text zu schreiben wie diesen. Seit Monaten wusste ich, dass ich nicht umhinkomme und habe es doch immer wieder rausgezögert. Jetzt, da ich das erste Mal seit der Pandemie wieder in der rheinischen Heimat bin, wo ich dich vor 17 Jahren kennenlernen durfte, wird es Zeit auch schriftlich verewigt Lebewohl zu sagen. Adieu Mikesch, mein liebster Lebensbegleiter.

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Bruno!!!

Ich war schon immer ein Katzenmensch und bin auch mit diesen unvergleichlichen Herrschaften aufgewachsen. Unser Kater Bruno (und ja wirklich benannt nach einem Fußballspieler namens Bruno Labadia (danke Bruder!), die Inkarnation von Verfressenheit, Arroganz und Ganganführer der Familiensiedlung, wo wir damals lebten, war der erste Kater, an den ich mein Herz verlor und über den wir uns bis heute Geschichten erzählen. Etwa über seine Beuten: u.a. ein halber Hase, ein tropisch angehauchter Vogel und eine Forelle (???). Ich liebte Bruno über alles. Er begleitete mich oft auf den Schulweg und lief mit mir bei meiner Heimkehr um die Wette vor die Haustür (er gewann immer). Bruno zog in unsere Familie, als ich 6 Jahre alt war und wurde mit stolzen 18 Jahren aufgrund von Leberkrebs eingeschläfert. Damals machte ich ein Praktikum in Turin – Ciao mi chiamo Clara! – und heulte schon präventiv auf dem Balkon meines Appartements, seitdem meine Mutter mir am Telefon mitteilte, dass es Bruno nicht gut ging. Als sie dann gar nicht mehr über ihn sprach, wusste ich, dass etwas nicht stimmte, was sich bei meiner Rückkehr am Kölner Flughafen schließlich bestätigte. Dort empfingen mich meine Eltern weinend. Bruno war nicht nur sterbenskrank, sondern schon eingeschläfert worden. Ich weinte mich in dieser Nacht in den Schlaf.

Gut geschisssen!

Nach Bruno, offiziell immer der Familienkater und inoffiziell der Kater meines Bruders bekam auch ich einen Begleiter. Ich war 14 Jahre alt und hatte vor nicht allzu langer Zeit meine Diagnose NF2 bekommen und ich glaube mich zu erinnern, dass es die Diagnose und die damit verbundenen rasch erfolgten schweren Operationen waren, die den Wunsch nach einem weiteren Vierbeiner aufflammen ließen. Bruno, ein kleines schwarzes Ungeheuer, holten damals mein Vater und ich nicht allzu weit entfernt ab. Mikesch dagegen machte eine lange Reise, denn er kam aus Schleswig-Holstein. Aus einem Wurf der Katze meines Cousins nahmen ihn meine Eltern, die wegen einer Feierlichkeit in den Norden fuhren auf dem Heimweg mit. Es war Hochsommer und meine Mutter erzählte, dass sie das schwarz-weiße weiche und mit hängender Zunge keuchende Fellknäuel aus dem Korb nahm und das gesamte Zugabteil in Verzückung geriet. Ich nahm ihn zu Hause in Empfang und schenkte ihm mein Herz. Ich erinnere mich noch genau an unsere erste Nacht. Ich ließ sein Körbchen offen auf meinem Bett stehen und wachte irgendwann von einem üblen Geruch auf: der kleine Kater hatte in meine Zimmerecke geschissen. Unsere Beziehung schien also geklärt.

MTV und Kapuzenpullis

Mikesch war immer schon – besonders im Gegensatz zu Bruno – ein eher schüchterner und sensibler Kater, was ihn jedoch nicht davon abhielt Bruno zu ärgern, der ihm wiederum oft unbegründet eine knallte. Das Verhältnis schien ausgewogen und Bruno blieb bis an sein Lebensende der Boss im Revier. Es war damals die Zeit von MTV und ich werde nie vergessen, als mein Bruder und ich uns sinnentleerten Trash wie NEXT!, „Date my Mum“ oder „Dismissed“ in seinem Zimmer anschauten. Mikesch war damals noch recht jung und irgendwann kamen wir auf die Idee, ihn in eine Kapuzenjacke einer alten Puppe von mir zu stecken. Ihm stand die Farbe sehr gut und wir zogen ihm sogar die Kapuze über. Als Mikesch sich zu bewegen versuchte und eine Pfote vor die andere setze, fiel er steif vom Bett. Wir weinten vor Lachen. Es war eine Zeit, die ich vermisse. Diese Zeit, wo man noch zu Hause wohnte, in die Schule ging, im Garten Hausaufgaben machte, am Abend bei icq chattete und zur Primetime „Sex and the City“ schaute. Es war diese Zeit, wo man sich über die Gruppen bei StudiVZ zu identifizieren versuchte (Ich war bei „Lasst uns Kaviar auf den Boden werfen, damit der Pöbel ausrutscht“), die Zeit der ersten Lieben. Es war diese Unbekümmertheit, die ich rückblickend mit meinen Katern verbinde.

Erwachsenwerden

Die Zeit ging ins Land und ich zog irgendwann aus, studierte und fühlte mich bei meinem ersten Klopapiereinkauf erwachsen. Mikesch erlebte auch allerhand und lebte für eine Zeitlang nur mit meinem Papa zusammen, dann sogar bei einer Bekannten, die ihn für ein paar Monate liebevoll in ihr Zuhause aufnahm. Ich besuchte ihn überall und er schien sich überall sehr wohl zu fühlen und wurde geliebt. Dann ging es für ihn in ein neues Zuhause am Berghang von Bonn, wo er schließlich auch einen neuen Kameraden an die Seite gestellt bekam: Karl-Heinz. Den Kater meiner Mutter: eine Art Wildkater direkt vom Bauernhof. Rampensau, lustig, niedlich und auf Mama geprägt. Mikesch war von Anfang an ein liebevollerer und verantwortungsbewussterer Papakater als Bruno für ihn selbst. Nicht selten machten sich die beiden zusammen auf den Weg und man hörte in der Nachbarschaft Gerüchte, dass sie einem anderen Kater das Fressen wegfrassen oder seine Hütte besetzten. Ich wohnte damals schon lange in Wien und genoss es jedes Mal bei meinen Besuchen mit meinem Kater zu kuscheln. Nie habe ich ein weicheres Fell berührt als seins. Anfangs bestrafte er mich noch bei meinen Besuchen mit Ignoranz, doch nach ein paar Tagen suchte er auch meine Nähe und schlief an meiner Seite.

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Krankenbegleiter & Schmusekater

Wo Bruno wegen Bisswunden am Hinterteil nicht selten zum Tierarzt muss – wir wissen heute, dass das ein Feiglingsbiss ist, da er während der Flucht entsteht, ist Mikesch der unangefochtene Schläger schlecht hin. Besonders in seinen letzten Jahren häuften sich seine Tierarztbesuche und ausnahmslos immer wenn ich in Bonn war, machte ich mit meiner Mutter eine Tour in die Praxis. Bisswunden hier, Bisswunden da, doch das Schlimmste war sein Aufstand. So wie ich mich bei meinen früheren Operationen postoperativ verhielt und meine Eltern in den Aufwachraum gerufen wurden  („Bitte kommen Sie, ihre Tochter macht wieder Randale“), schrie auch Mikesch das gesamte Wartezimmer zusammen, fauchte, knurrte und kratzte die Arzthelferinnen blutig. Mir tat es immer im Herzen weh, ihn so aufgebracht zu sehen, auch wenn ich ein klein wenig stolz war, wie stark mein Kater auch im Alter und krank noch war. Aber man sagt wohl nicht umsonst „Wie der Herr, so das Gescherr“. Wir waren irgendwie Krankehausbuddys: Er mit seinen Kampfwunden, seinen Schilddrüsen- und später Nierenproblemen und ich mit meiner NF2. Und trotz den ganzen Medikamenten, die er nehme musste, Zahnbehandlungen und was nicht noch alles und ich mit meinen MRTs und Eingriffen: wenn wir beieinander lagen, war die Welt einfach besser, alles war gut für den Moment. Zumindest für mich.

In seinen letzten Lebensjahren wurde Mikesch immer liebesbedürftiger. Oft kam er zu einem und forderte Liebkosungen ein. Doch nie frech oder unangenehm. Er schaut dich mit seinen gütigen Augen einfach an und begann sofort zu schnurren, sobald man ihn berührte. Auch wenn er im Bett die Nähe zu dir suchte, machte er das ganz vorsichtig, schaute zwischendurch immer wieder zu einem auf, fast so als wollte er deine Erlaubnis einholen.

Abschied nehmen

In den letzten beiden Jahren schließlich verschlechterte sich sein Zustand vehement. Er nahm rapide ab und meine Mutter begann ihm Hühner auszukochen und ihn so zum Essen zu bewegen. Ich habe ihm bei jedem Abschied von meinem Aufenthalt im Bonn immer gesagt, dass ich ihn liebe und er auf sich aufpassen muss. Ich bin froh, dass getan zu haben, denn wie auch bei Bruno konnte ich mich nicht von meinem Kater verabschieden.

Nach meiner schweren Operation im Januar diesen Jahres und vor meinem Erholungsurlaub auf der Insel, telefonierte ich oft mit meiner Mutter. Wir beide weinten, denn Mikesch ging es immer schlechter. Kurzerhand buchte ich einen Flug für nach dem Urlaub, Mitte März. Ich wollte einfach Mikesch sehen. Dann kam die Pandemie und der LockDown. Genau in der Woche wo ich fliegen sollte. Ich flog nicht und bekam aus dem Nichts eine Blasenentzündung. Ein Übel, mit dem ich früher zu kämpfen hatte, doch dass ich seit Jahren im Griff hatte. Heute weiß ich, dass mein Körper auf Abschied reagierte – die Nieren und Blase als Organe der Trauer. An diesem Wochenende verließ Mikesch zum letzten Mal die Wohnung meiner Mutter, um nicht mehr zurückzukehren. Als sich die ganze Welt entschläunigte und in Quarantäne geschickt wurde, entschied sich also mein schlauer, mein geliebter Kater zu gehen. Selbstbestimmt und ersparte uns somit diesen grausamen Weg zum Tierarzt. So umsichtig und so intelligent, wie er eben war. Ein Abgang in Würde.

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In Wien brach eine Welt für mich zusammen, ich hörte rund zwei Monate nichts mehr und weinte überall. Bis heute hat Mikesch auf unserem Ofen sein Plätzchen: ein gerahmtes Bild von uns und eine frische Lilie mit einem roten Herz auf dem Mikesch steht. Denn auch das war Teil von unserer Beziehung: Ja, ich stellte meinem Kater eine Maibaum.

Vor einigen Tagen, haben meine Eltern und ich uns zusammen im Garten in Bonn von Mikesch verabschiedet und er hat jetzt ein kleines Grab, wo sein Fressnapf begraben liegt. Dennoch tut es noch unendlich weh und wird es wohl noch eine Zeitlang.

Mikesch war über die Hälfte meines Lebens mein Kater und obwohl ich weiß, dass 17 Jahre eine lange Zeit sind, mindert das in keiner Weise den Schmerz. Ich konnte mich auch von meinem zweiten Kater nicht verabschieden und das tut weh.

Und so bleibt mir nichts anderes übrig, als die Augen zu schießen und ihn mir  vorzustellen. Ich hoffe Mikesch, dass du keine Schmerzen hattest, sondern dass du auf dem Sofa die Augen öffnetest und gemerkt hast, dass dein Herz schwächer wird. Ich hoffe, dass du deshalb so penetrant gebettelt hast, raus zu dürfen. Ich hoffe, dass obwohl du am Ende verwirrt warst, dass du einen vorher ausgekundschafteten Weg entlang gegangen bist. Ruhig und sicher. Ich hoffe, dass du in den nah gelegenen Wald gegangen bist und dir einen wunderschönen geschützten Platz zum Sterben gesucht hast. Ich hoffe, dass du es dir dort gemütlich gemacht und die Augen geschlossen vielleicht sogar geschnurrt hast. Ich hoffe, dass dein Herz immer schwächer schlug bis es plötzlich still stand und du ohne Schmerzen friedlich eingeschlafen bist. Und schließlich hoffe ich, dass du gewusst hast, wie sehr ich dich geliebt habe. Du warst der wunderbarste Kater, den ich kennenlernen durfte und ich danke dir, dass du mich 17 Jahre begleitet hast. Ich werde dich niemals, niemals vergessen.

Epilog

Als ich mitten in der Trauerphase in Wien mit meiner BFF wie so oft über Harry Potter, genauer: Zaubersprüche, die man auf ein T-Shirt drucken könnte, schrieb, hatte ich den schönsten Geistesblitz überhaupt: Mikesch ist mein Patronus, der mich beschützt und den ich immer rufen kann, wenn ich es brauche.

Und das Beste: ein Patronus ist unsterblich.

In diesem Sinne und für alle Ewigkeit: „Expecto patronus!“

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