Alle mal aufregen!

Ich mache immer wieder die Beobachtung, dass negative Gefühle verpönt werden. „Sehe das Positive in der Welt“ und so weiter und so fort. NATÜRLICH ist das richtig und ich selbst würde sagen, dass ich das im Großteil meines Lebens auch so umsetze oder es zumindest versuche. 

Ich, die mehr als genügend unter dem Skalpell lag, viele krankheitsbedingte Unterbrechungen zu allen möglichen Zeiten erlebte, stehe immer wieder auf, richtige mein Leopardenhaarband und habe die Kreditkarte griffbereit, um das nächste Buch zu kaufen. Aber, und hier kommt ein ordentliches ABER, wir müssen auch mal wütend sein dürfen und es auch sagen. Ich selbst stecke gerade in einer nie da gewesenen Situation, die mich ängstigt, mich traurig macht, frustriert und unglaublich wütend. Und da ich irgendwie alles und jedem die Schuld geben kann und gleichzeitig auch niemanden bzw. nichts, fühle ich mich in der Zweckmühle, in die mich Mutti (meine geliebte Großmutter) JEDES MAL versetzte, wenn sie die Spielesammlung aus dem Schrank holte. Danke Mutti, dass du mich schon im zarten Kindesalter mit der harten Realität vertraut machtest und mich nicht der Illusion hingabst, ich könnte Mühle spielen. 

Es begann im ersten Lockdown mit dem Verschwinden meines geliebten Katers Mikesch: schlagartig versagte mir das rechte Ohr und mein Hörgerät den Dienst. Tinnitus war zwar nichts Neues, aber so GAR NCHTS hören war komisch. Es nahm seinen Lauf und das Hören kehrte peu a peu zurück, gewann sogar nochmal mit einer neuen Hörgerätversorgung einen Höhenflug. Ich hörte so gut wie nie. Es erreichten mich jedoch immer wieder schlechte Nachrichten und das Hören wurde schlechter und schlechter. Irgendwann zogen wir die Reisslinie und ich traf meine Mutter in Nürnberg und wir verbrachten ein herrliches Wochenende in einem Spa, ließen uns verwöhnen und ich kehrte mit ihr zum ersten Mal seit Mikeschs Verschwinden nach Deutschland zurück, wo ich mit meinen Eltern einen luftballonbegleitenden Abschied zelebrierte. Und am nächsten Tag verschwand das Hören komplett und kehrte bis zum heutigen Tag nicht mehr zurück. 

Es gibt viele physische wie auch psychische Indikatoren und womöglich ist es ein Zusammenspiel von alldem. Und dennoch: knapp 3 1/2 Monate nichts zu Hören und mit erheblichen Ohrgeräuschen, die sich stetig ändern und mal an einen Schneesturm erinnern, dann wieder wie Harfen- oder Klaviermusik klingen oder aber einen bedrohlichen Charakter haben wie die „Walküre“, macht mir Angst. 

Denn, ich vermisse es zu Hören und ich möchte wieder Hören. UNBEDINGT. Ich vermisse Musik, ich vermisse Telefonieren und die Stimme von Jonathan, Tan, Antoni, Kamaro und Bobby, wenn sie das Leben besser machen. Ich möchte die Stimme meiner Nichte hören, die zu quasseln beginnt und das fordernde Miauen meiner Katerkinder Franz und Anton. Und je mehr ich mir das vor Augen führe, desto mehr Angst habe ich, dass ich es nie wieder tun werde. 

Neben Stress und einem sehr traurigen Jahr voller Abschiede (ja, ich trauere immer noch um meinen geliebten Kater) und familiären Konflikten, die noch anhalten und verarbeitet werden müssen, voller lebensverändernden und verrückten Entwicklungen, voller Daheimsein und Grübeln, einem Jahr, das mit einer unfassbar angstmachenden Gehirnoperation begann, schmerzvollen Wochen und einer dadurch bedingten Kieferfehlstellung, die bis heute andauert und behandelt werden muss, ja einem Jahr, das einfach nicht zur Ruhe kommen mag, habe ich das Gefühl mein Hören verloren zu haben. Gleichzeitig aber bleibt mir aber auch nichts anderes übrig, als abzuwarten und mit mir ins Reine zu kommen, denn eine Behandlung gibt es irgendwie nicht. 

So sagt die Neurochirurgie: „Ja, die Gehirntumore an den Hörnerven sind gewachsen. Aber nicht so, dass sie eine Behandlung begründen. Können Sie für den Tinnitus und das verminderte Hören verantwortlich sein? Ausschließen können wir es nicht. Operation steht nicht zur Debatte und auch eine Therapie mit Medikamenten eher ungewiss.“ Jetzt eine auf gut Glück basierende medikamentöse Therapie beginnen. Nein, danke. 

Physiotherapie sagt: „Ja, Kiefer hat eine extreme Fehlstellung, die sich auf das Hören und den Tinnitus auswirken kann.“ Orale Behandlung ist so mit das Schmerzhafteste, was ich jemals erlebt habe. Es hilft, aber es dauert. 

Osteopathie sagt: „Der Körper muss zur Ruhe kommen und sich beruhigen.“

Psychotherapie sagt: „Auf den Körper horchen und seine Signale verstehen lernen, Negatives verarbeiten, bei sich bleiben und das Medium Schreiben nutzen. Und vor allem: nicht zulassen, dass das Hören das soziale Umfeld einschränkt, auch wenn es nicht leicht ist.“

TCM Berater sagt: „Die Organe sind alle etwas ausgelaugt. Wir müssen den Körper wieder kräftigen und der Verschleimung entgegenwirken. Vorzugsweise basisch essen und die Nieren versorgen.“

Akustikerin sagt: „Ruhig bleiben und basisch essen. Ohrgeräusche stehen auch oft mit dem Säure-Base Verhältnis in Verbindung. Derzeit ist keine Versorgung mit Hörgeräten möglich.“

Da wären wir also. Im grauen Herbst in Wien, im Homeoffice mit zwei Katern, einem riesigen Stapel Büchern und mit Foucault in Richtung Dissertation. Es ist nicht alles schlecht, aber es ist auch nicht alles gut. 

Letzte Woche, am gleichen Tag, als ich meine Archivarbeit nahe dem Schwedenplatz begann, gab es einen Terroranschlag: Erschütterung, Unfassbarkeit, Angst. Ein paar Tage später, dann endlich gute Neuigkeiten aus Amerika, die erfreuen und etwas Glauben zurückgeben.

Und dennoch: ich bin wütend und je wütender ich werde, desto lauter werden auch meine Ohrgeräusche. Nicht, dass ich jetzt vor die Tür treten und jeden beschimpfen würde. Aber, ja, die Wut hat ihre Berechtigung und sie darf und sollte auch mal raus. Das muss sie. Um Platz für positive Gefühle zu machen. Und gleichzeitig gilt es zu ergründen, warum gewisse Dinge das Feuer in uns zum Kochen bringen und zu lernen, die Flamme klein zu halten – nicht löschen, sondern in einem gewissen Rahmen zu halten. Vielleicht ähnlich der Handhabung des Bunsenbrenners damals im Chemieunterricht (wo ich durchweg auf der Leitung stand): Wir brauchen das Feuer, aber das Labor soll nicht abfackeln. Oder mit Richtung auf die Kunststunde gesagt: Das Leben ist nicht schwarz oder weiß. Das Leben ist kunterbunt. Und wir sollten es malen dürfen. Jeder für sich. 

Filmtipp an alle, die sich Disney+ gönnen oder noch DVDs kaufen: