Lieber Körper, es tut mir Leid

Seit rund einem Jahr habe ich einen NF Schub, was bedeutet, dass die notwendigen Operationen viel zu schnell aufeinanderfolgen und die NF II in meinem Alltag um so viel präsenter ist, als ich es gewohnt bin. Und auch mein rechtes Hörvermögen ist mir seit August 2020 abhanden gekommen. Es wurde still um mich, aber nicht in meinem Kopf. Und so kehre ich schriftlich zurück, zwar nicht wie der Phönix aus der Asche, aber zumindest mit kreativer Reflexion.

Meinen ersten Blogbeitrag nach langer Zeit widme ich Judith Wolfsberger, deren Memoir „Schafft euch Schreibräume!“ mich stärkte und inspirierte. Judith, danke, dass du mir beim Lesen mental Gesellschaft geleistet hast und mir ins Ohr flüstertest: „Clara, schreib. Auch wenn es wehtut. Es wird. Es wird mit dem Schreiben besser.“

Und nun, neue Wörter:

Mein lieber Körper,

es tut mir leid.

Du hast gelitten, unzählige Male.

Du wurdest malträtiert – im Namen der Gesundheit

und dennoch: viel zu oft.

Lieber Körper,

es tut mir leid.

Du würdest geöffnet, verlorst Blut,

das Gewebe – so brüchig und verletzlich –

durchschnitten, zerschnitten, durchbohrt, gespreizt, durchflutet.

Mit Skalpell und so vielen Geschwistern.

So oft und fast überall.

Lieber Körper,

es tut mir leid!

Die Schmerzen, die Narben, die Medikamente,

die dich sedierten und unempfindsam machten.

Die Nadeln, die dich stachen, die Schläuche, die man in dir verlegte,

die Magneten, die dich durchflogen,

die Angst, die allgegenwärtige Angst.

So lange nun schon.

Lieber Körper,

es tut mir leid!

selbstverständlich nahm ich dich,

und schimpfte dich eine Schuldige.

Du, du alles erträgst und so viel mehr bist

als dein Genom.

Lieber Körper,

es tut mir leid!

das kritische Betrachten im Spiegel,

neue Schwannome angewidert beäuglend,

deine Leistungen verächtlich belachend, mir nie genug

in Gedanke „Ohne Krankheit“ zu sinnieren beginne.

Mein lieber Körper,

es tut mir leid!

Der Druck, den ich dir auferlege,

ohne Gedanken an dein Zerbrechen.

Du bist ertaubt und erstarrt,

und ich möchte mit dir reden, dich fragen.

Jeden Tag, jederzeit.

Mein Körper, sei gewiss.

Ich weiß!

Du bist Ich

und Ich bin Du

und Ich bin Ich.

Dich trennte ich von mir,

subjektivierte dich zum Objekt.

Machte dich zum Trauerfänger

und Abstellgleis.

Ich bin deine Trittbrettfahrerin

und steige ab.

Du, mein wichtigster Bezug in dieser Welt.

Ich wähle Dich.

Bleibe bei dir.

Immer.