NF2 Kakophonie

Obwohl es so einige Zeit dauerte, bis sich das Resthörvermögen nach den Operationen am Hörnerv eingependelt hatte, gab es immer wieder Rückschläge und nie dagewesene Höhepunkte. Seit nun mehr 7 Jahren aber ist es im Ohr, und seit weiteren 14 Jahren im MRT Befund stabil. Und dennoch: dieses und letztes Jahr im Winter machte es WUMM – „Hallo Hörsturz, mein alter Freund.“

Unter dem Begriff „Kakophonie“ versteht man in der Musikwissenschaft einen Miss-klang. Wer mag Missklänge? Niemand. Wer schon mal einen Tinnitus hatte (Spoiler – Alarm: es gibt viele unterschiedliche Formen der unangenehmen Ohrgeräusche) oder aktuell oder IMMER einen hat, der würde mir mit Sicherheit zustimmen: Das da im Ohr ist kakophonischer Driss (wie wir im Rheinland sagen).

(c) Mohammad Metri on Unsplash

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Ich kann mich gar nicht mehr an die Zeit vor den Ohrgeräuschen erinnern. Den ersten Hörsturz allerding hatte ich, dass weiß ich noch ganz genau, im Frühjahr 2003. Nachdem ich innerhalb von nur drei Monaten zweimal am Gehirn operiert wurde – die Verkleinerung beider Vestibularisschwannome – streikte es dann auch im Ohr. Im rechten, denn das linke hatte sich ja schon vor dem Eingriff entschlossen von nun an gehörlos seinen Weg zu gehen – auch okay! Ich saß damals im Büro des Elternhauses und war irgendwo virtuell unterwegs, mit großer Wahrscheinlichkeit auf icq (so cool war es damals noch!). Jedenfalls begann das Hören zu verschwinden, ja wirklich! So wie sich in einem Theater das Bühnenbild nach hinten verlagert, genauso trat auch mein Hörvermögen in den Hintergrund. Ich weiß noch, dass ich plötzlich in meiner Bewegung innehielt und ganz wachsam war. Als sich ein nie dagewesenes Geräusch seinen Weg ins Scheinwerferlich bahnte: ein hohes Piepen, welches kaum merklich in piano bis zum crescendo um Aufmerksamkeit kämpfte. Der Höhepunkt war genauso laut wie kurz. Denn kaum war es da, verschwand das Piepen wieder hinter die Bühen und kehrte nicht wieder. Genauo wenig wie mein Hören zu dem Zeitpunkt. Mein erster Hörsturz, da war er.

(c) Oleg Laptev on Unsplash

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Damals behandelte man einen Hörstürz noch mit einer Infusionstherapie. Ich lag ingesamt zwei Wochen lesend im Krankenhaus. Geholfen hat es rückblickend nichts. Geholfen hat aber die Begnung mit einer HNO-Assistenzärztin, die mich stärkte und meinen Eltern einen unbezahlbaren Tipp gab. So kommentierte Sie mein Audiogramm, welches zeigte, dass ich die dunklen Töne schlechter bis kaum hören konnte mit den Worten: „Aber Männer haben ja sowieso nichts zu sagen.“ Gefiel mir der Gedanke. Wenn ich es mir recht überlege, führe ich die erfolgreichste Beziehung deswegen wohl auch mit einem gebärdensprachigen Partner… Die weise Assistenzärztin empfahl meinen Eltern, mich aus der Schule zu nehmen und mit mir zur Erholung in Urlaub zu fahren. Das musste man meinen Eltern nicht zweimal sagen. Das Organisationstalent von Mama hatte innerhalb nur weniger Tage eine zweiwöchige Reise nach Juist gebucht. Die verbrachten wir in Strandkörben am Meer, shoppend, Radfahren probierend (nicht erfolgreich da fehlendes Gleichgewicht) und ich überwiegend schlafend auf der schönen, stillen Nordseeinsel. Und ihr könnt es euch denken: mein Hören kam mit der salzigen Luft wieder zu mir. Seitdem lasse ich bei schwindendem Hören meine Seele baumeln: kaufe mir was Schönes, gehe in Cafes zum Schreiben und Lesen und gönne mir kulinarische Besonderheiten. Am besten höre ich ironischerweise auf einer spanischen Insel

Zurück im Jahr 2003 wurde ich schließlich mit meinem 1. Hörgerät versorgt. Dennoch  hatte ich in den darauffolgenden Jahren noch unzählige Hörstürze, die mich immer wieder in ein tiefes Loch warfen. Deprimiert und traurig und von der Welt entrückt. Wie ich dann älter wurde, begann ich die Zeitpunkte der Höhen und Tiefen meines Hörens zu beobachten. War ich glücklich, frisch verliebt, im Urlaub, so hörte ich einwandfrei. Im Gegensatz verlor das Hören in schlechten Phasen wie meine Seelenstimmung ihr Vermögen. Seit Mitte meiner 20er Jahre aber suchte mich kein Hörsturz mehr heim, wir haben uns ziemlich stabilisiert, das Ohr und auch ich.

Nichtsdestotrotz hatte ich diesen Monat gleich zwei  – auch wenn das Hören in nur wenigen Tagen wieder zur gewohnten Form auflief. Es war erschreckend und ich war etwas traurig darüber. Von der Welt entrückt wie früher jedoch nicht: denn ich kann mich mittlerweile nicht nur auf meine Ohren, sondern auch auf meine Hände verlassen, die gebärden und mich weiterhin mit den Menschen verbinden. Und so mein lieber Hörsturz, lass dich feste umarmen. Angst machen, kannst du mir nicht mehr.

Übrigens fragen mich viele Freunde mit Tinnitus, wie sich mein Hörsturz anfühlt. Bei mir ist es so, dass meine allgegenwärtigen Ohrgeräusche, denen ich durch das Tragen des Högeräts und die dadurch hörenden Alltagsgeräusche usw. entgegenwirken kann, so dröhnend laut werden, dass sie alles verschlucken. Ich selbst höre mit Hörgerät nur mehr wie durch ein Metallrohr und meine eigene Stimme roboterhaft. Ungefähr so:

(c) Valentin Salja on Unsplash

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Wie ist es bei euch? Freue mich über Kommentare!

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