Visualisiere!

Jedes Jahr so zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk: die Operation.

Fast immer im Frühjahr, nur selten im Sommer, kaum Winter, nie im Herbst. Ein einziges Mal, genauer mein 16. Lebensjahr verbrachte ich operationsfrei. Die NF2 zahlte es mir heim, denn im darauffolgenden Jahr kamen gleich zwei Eingriffe. Nun, ich glaube die Zahl 31 liebäugelt schon mit mir, denn seit der letzten Tumor-Resektion ende April 2018 meldeten sich keine nf2-spezifischen Symptome mehr zu Wort und alle medizischen Probleme im vergangenen Jahr waren auf einen aufmerksamkeitsheischenden Zahn zurückzuführen – dessen Behandlung letzte Woche endlich abgeschlossen wurde. Ja, und da wurde mir erstmals bewusst, YES you can. Voraussgesetzt das nächste Kontrollmrt leuchtet nicht weißlich auf.

Es heißt ja immer man soll die kleinen Erfolge feiern. Meine Devise: feier alles im Leben und grundlos noch dazu. So habe ich auch schon leise verlauten lassen, dass wenn ich von der Radiologie und Neurochirurgie grünes Licht bekomme, eine „Ein-Jahr-tumor-freie“-Party zu schmeißen. Als ich dies bei meiner letzten Behandlung meiner Osteopathin erzählte, stimmte sie mir zu und sagte, dass ich mich auf diesen Gedanken ganz konkret und bewusst konzentrieren solle.

Ostepathin: „Visualieren Sie diesen Moment, wie sie feiern, die Party.“

Clara: „Ich visualiere, wie ich stockbesoffen bin.“

Osteopathin: „Ja das geht auch.“

*Gelächter*

Mir gefällt der Gedanke sehr gut. Natürlich werde ich morgen oder übermorgen nicht von NF2 „geheilt“ aufwachen,  nur weil ich diesen Moment visualiere. Aber ich kann meine Gedanken umpolen und versuchen raus aus der Angst und zu dem Positiven hin zu bewegen, auf die noch so kleinsten Erfolge konzentrierend. Und das wäre so ein Jahr, das wäre ein kurzer Moment beim Yoga, wo ich schaffe auf einem Bein in einer Position zu verweilen oder eine nicht untertitelte Werbung im Kino zu verstehen. Wie es manchmal im Leben so ist, teilt auch der Sohn des Protagonisten (Henry Perowne, ein Londoner Neurichurg, der auf Seite 15 sogar ein Vestibularisschwann operiert) in meinem aktuellen Buch diesen Gedanken.

„‚Je größer man denkt, desto beschissener sieht es aus.‘ Gefragt, wie er das meint, sagt er: ‚Wenn wir uns über die großen Dinge unterhalten, die politische Lage, globale Erwärmung, weltweite Armut, sieht alles schrecklich aus, nichts wird besser, und es gibt nichts worauf man sich freuen kann. Doch wenn ich klein denke, in engerem Rahmen – ihr wißt schon, an ein Mädchen, das ich gerade kennengelernt habe, an den Song, den wir mit Chas spielen werden, oder ans Snowboarden nächsten Monat, dann sieht’s phantastisch aus. Also das soll mein Motto sein – denk klein.'“ (Ian McEwan „Saturday“, Seite 52-53).

Ich teile dieses Motto. In Bezug auf meine Krankheit. Ich denke klein und feiere groß. Wer weiß, was in Zukunft noch auf mich zukommen wird, keine Ahnung ob, wo und wie Tumore wachsen werden. Mache ich mir jetzt darüber Gedanken? Nein. Bleibe ich wachsam? Natürlich.

Aber wozu jetzt schon die Vorspultaste drücken oder bis auf die letzte Seite umblättern. Wenn es gerade so schön ist, lieber noch einmal die Zeit Revue passieren lassen. Die Zukunft mit oder ohne einer chronischen Krankheit ist ungewiss und beängstigend, also einen Schritt nach dem anderen. Oder wie einer meiner Lieblingsmenschen in Wien immer zu sagen pflegt: „Clara, FIRST things FIRST.“

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