Was Foucault mich lehrt

Nach den Existentialisten und einem wiederholten Versuch an Simone de Beauvoir – wobei Beauvoir peu a peu gelesen werden sollte und nicht etwa in einem Rutsch – sind wir nun bei Foucault angelangt: Die Anormalen. Ein höchst interessantes Werk, was die Ehrfurcht vor Foucault in kleinster Weise mindert, sondern im Gegenteil: den Willen nach seinem wissenschaftlichen Stil ins Unermessliche emporhebt. Wie schafft es dieser Mensch, Phänomene von Jahrhunderten zusammenzufassen, in Verbindung zu setzen und zu belegen. Die Bücher, die er gelesen haben muss, müssen Paläste gefüllt haben.

Was besonders imponiert ist die Tatsache, mit welcher Überzeugung und der immer wieder dargestellten Subjektivität seiner Überlegungen Foucault es gelingt, die Rezipient*innen auf seine Seite zu ziehen. Diese Verquickung von Meinung und Wissen ist genau das, was ich in meiner Dissertation auch erreichen will. Die Anführung von Hypothesen, begrifflichen Konstruktionen und Phänomenen und zwar ohne Anführungszeichen oder der intendierten Angst, Kritiker*innen aufs Papier zu locken. Sowieso ist es das: die Angst sich klar und mit Kontur im Forschungsfeld zu positionieren, die die Schreibhemmung hervorruft. Kein Satz ohne mögliche Zurücknahme und Revision. Wobei dies eine wahre Befreiung wäre, für das Schreiben und die Anwendung angelesenem und reflextiertem Wissen.

Dabei haben sich schon seit längerem so gute Gedanken im Kopfe gebildet, die ihre schriftliche Berechtigung fordern: „Gehörlosigkeit. Die Konstruktion eines Defizits“ wurde von mir zum Motivationstitel deklassiert, wobei hier auf den Punkt gebracht wird, wie die Medizin sich die Gehörlosigkeit einverleibte, ja den Begriff besetzte und ihre Heilbestrebungen und -versprechungen von dieser negativen Perspektive aus begründeten. Ist dies vereinfacht gesagt? Natürlich. Was muss hinzugezogen werden: der Kontext und zwar im weitesten Sinne. Nicht zu vergessen die fundierte Datengrundlage und ein entsprechendes Forschungsdesign.

Und dennoch ist „Gehörlosigkeit. Die Konstruktion eines Defizits“ eine passende Aussage und sollte statt Deklassierung Betonung erfahren. Doch sobald diese Gedanken sich zu formen beginnen, kommen schon Zensor*innen und Kritiker*innen ins Blickfeld, die die eigene Forschungsposition mit allem was dazugehört zu hinterfragen beginnen: 

„Natürlich denkst Du so. Schau dir doch mal deine Biographie an. Deine Alltagserfahrungen und deinen Standpunkt! Also du kannst doch so einen Titel nicht bringen. Wer nimmt dich denn ernst. Deaf Power und so. Geht mal gar nicht in der Wissenschaft.“ 

Es ist doch aber gerade die Biographie – und zwar die akademische und medizinische und und und – die in jedem, und ich meine JEDEM Forschungsvorhaben, jeder Forschungsfrage mitschwingt. Wer denkt, absolut objektiv und aus „rein“ wissenschaftlichem Interesse zu forschen, macht sich was vor. Woher entspringt denn wissenschaftliches Interesse – mit Betonung auf Interesse. Eben aus Erfahrungen, Beobachtungen, die wir machen. Kannst du dies außerhalb deiner Physis und Psyche? Es wird deutlich, worauf es hinausläuft. 

Also, eigene Gedanken, Hypothesenentwicklungen; gedankliche Netze sollten mit mehr Selbstbewusstsein gesponnen werden. Denn, wiewohl sie eine Manifestation der Situierung im Forschungsfeld bedeuten, sind sie nicht falsch oder minderwertig oder lächerlich. Dies ist vielleicht eins der Dinge, die ich beim Lesen von Foucault gelernt habe. Selbstbewusste Zurschaustellung der eigenen Gedanken, der eigenen Recherche, Reflexion, Thesen, Konstruktionen, Beziehungen, Beobachtungen, Kritik. 

Und vielleicht, ganz vielleicht schafft man es dann auch, Empörung nicht zu verpönen, sondern zum Anlass zu nehmen, sie auf begründete, nachvollziehbare und natürlich sprachlich ansprechende Weise zu betten, sodass sie im Kopfe vieler zu Nachvollzug führt, was die erste Voraussetzung für Akzeptanz ist und vor allem für eins: eine wissenschaftliche Quelle zu sein. Zitieren erlaubt und erwünscht. 

Für mehr selbstbewusstes wissenschaftliches Schreiben

Die im Text genannte Literatur, ganz konkret und bewusst ohne Verlinkung. Bitte bei den Buchhandlungen des Vertrauens erwerben.

Bakewell, Sarah (2019): Das Café der Existenzialisten. C.H. Beck Verlag. 448 Seiten.

Bouvoir de, Simone (1951): Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Rowohlt Verlag. 909 Seiten.

Foucault, Michel (2007): Die Anormalen. Vorlesungen am College de France (1974-1975). Suhrkamp Verlag. 476 Seiten.

Ein Gedanke zu “Was Foucault mich lehrt

  1. Patricia Brück schreibt:

    ja ich bin bei Dir, liebe Clara. Die Energie zur Forschung und die jahrelange, tägliche Motivation, den Forschungsgegenstand oder die Forschungsfrage einzukreisen, entspringt einem persönlichen Bezug zu Thema, den besonders frau so gut verschleiern sollte wie möglich, um ernst genommen zu werden im Elfenbeinturm… Das hat mit der besonders patriachalen Struktur der Wissenschaft zu tun und ihren unablässigen Legitimationsversuchen. Denn wohin hat uns der abgehobene Elfenbeinturm gebracht???

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