Pulsschläge

Die unzähligen Eingriffe aufgrund meiner NF2 haben nicht nur wunderschöne Narben hinterlassen, sondern auch eine stets präsente Erinnerung: den Weg in die Narkose. So brauche ich nur die Augen zu schießen und bin augenblicklich im Aufwachraum. Eine innere Reise in den OP.

Es ist das letzte was ich höre, wenn die Medikamente ihre Wirkung zeigen und das erste, wenn ich versuche die Augen zu öffnen. Die Lider liegen so schwer, der Körper wie betäubt. Ein Gefühl wie unter Wasser und dennoch atmend. Ich taste an mein Ohr, fühle die robuste Hülle des Hörgeräts. Piep, piep, piep. Regelmäßig und laut. Es beruhigt mich. Ich kann entspannen. Die Erinnerung kehrt zurück, langsam aber schmerzlich klar.

„Guten morgen.“

„Wie ist Ihr Name?“

„Wann sind Sie geboren?“

„Was wird gemacht?“

„Sehr gut. Hier die Tablette. Nehmen Sie ruhig einen Schluck Wasser.“

Der Sekundenzeiger bewegt sich stetig. Geräusche macht er keine. Es sind noch mehr Menschen im Raum. Sie liegen in ihren Betten. Einige schauen starr an die Decke, wenige haben die Augen geschlossen. Einer weint still. Immer wieder werden Betten hinein- und hinausgeschoben. Die Menschen lächeln alle, schauen zuversichtlich. Wie viele es wirklich sind, weiß ich nicht. Ich hoffe mehr als ich befürchte. Dann geht es los. Eine Frau in grüner Kleidung und OP – Haube kommt auf mein Bett zu. Ich werde aus dem Zimmer und neben eine Liege gefahren. Ich muss auf diese wechseln. Arm und Kopfpolster werden montiert. Mein Engelshemd zurechtgezupft. Die Handtücher, die mich bedecken sind warm. Die Liege schmal. Schnell rollt ein Mann mich die Flure entlang. Ich versuche die Aufschriften der Schränke zu lesen und vergesse die Wörter sogleich. Ein großer Bildschirm flackert über einer Tür. OP Saal, Operateur, Dauer. Alles bunt staffiert. Wie der Stundenplan in der Schule, der mich jahrelang begleitete. Stopp. Die Schiebetür zum Vorbereitungssaal öffnet sich langsam. Ein älterer Arzt lächelt mich an. Sein Gesicht ist mir bekannt.

„Hallo.“

„Wie ist dein Name?“

„Wann bist du geboren?“

Der angrenzende OP-Saal geht auf. Er ist klein. Eine Frau kommt herein.

„Guten morgen.“

„Mein Name ist      .“

Sie befestigt die Manschette am rechten Oberarm und den Überwachungschip an den linken Zeigefinger.

„Kannst du dich mal kurz ein wenig vorbeugen?“

Mein Hemd wird etwas gelockert und ich spüre die kühlen Pads, die auf meine Haut geklebt werden. Rund ums Herz. Sie kitzeln und werden mit bunten Drähten verkabelt.

Das Blutdruckgerät wird angestellt. Mein Puls ist sehr ruhig.

Ein Grinsen.

„Langweilst du dich?“

Ich drehe den Kopf nach links. Auf der grünen Anrichte liegen Spritzen, Kanülen und mein Tubus. Der Sekundenzeiger bewegt sich schnell. Ich atme tief ein.

Der Arzt dreht sich zu mir. Ich weiß, was er mir sagen wird.

„Wir legen dir jetzt den Zugang, in Ordnung?“

Ist es nicht.

Ich nicke. Eine Druckmanschette wird um den linken Oberarm gelegt. Ich balle die Hand zur Faust und fange an zu Pumpen.

Er inspiziert meine Venen, die kaum merklich auf dem Handrücken schimmern. „Stopp.“ Ich halte in der Bewegung inne und drehe den Kopf auf die andere Seite. Er sprüht 1, 2 Mal, ich rieche den vertrauten Geruch des Desinfektionsmittels. Mein Puls geht etwas schneller. Piepiepiepiepiep.

Jetzt. Stechender Schmerz. Ich schließe die Augen. Die Kanüle wird in die Vene geschoben, kilometerweit wie es sich anfühlt. Ich höre die Kanüle aufschnappen. Schaue auf die Hand. Der Zugang ist drin. Einen kurzen Moment ist es still, ich schaue wieder auf die Uhr.

„So wir fangen dann mit der Narkose ein.“

Ich ziehe mein Hörgerät aus und reiche es der Assistentin. Sie legt es in eine kleine Plastik-Dose. Im Aufwachraum wird es mir wieder irgendjemand einsetzen.

Die Assistentin stellt sich hinter die Liege und tätschelt meinen Kopf. Ich schaue nach oben. Sie platziert die Atemmaske vor meinem  Gesicht. Wieder ein vertrauter Geruch.

Der Narkosearzt öffnet die Kanüle und setzt zwei Spritzen an. Eine durchsichtig, die andere milchig weiß. Seine Bewegungen sind schnell und sicher.

Die Maske liegt jetzt fast auf meinem Mund.

„Schön tief atmen.“

Ich spüre die Schwere. Ich schaue auf den Sekundenzeiger… schaue noch einmal… .

Piep, piep, piep. Ich nehme Bewegungen um mich herum war. Versuche die Augen zu öffnen, doch die Lieder sind so schwer und ich orientierungslos. Piep, piep, piep. Schlagartige kehrt die Erinnerung zurück  – meine Augen öffnen sich – und mit ihnen die Gewissheit, was man wieder einmal hinter sich gebracht hat. Es ist vorbei. Ich schließe die Augen.

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(c) Xenia Dürr

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